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Was wirklich hinter Pilates-Sequencing steckt

  • Autorenbild: Carina
    Carina
  • 17. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Ich habe in letzter Zeit viel über meine Kinder im Zusammenhang mit Pilates nachgedacht.


Meine Tochter hat ein Lieblingsbuch, das wir lesen, seit sie nur ein paar Monate alt ist. Es heißt Mein erster Tag im Kindergarten, und mittlerweile habe ich es wahrscheinlich schon hunderte Male vorgelesen. Sie ist jetzt zweieinhalb und wir lesen dieses Buch jeden Tag. Mein Sohn hat eine ähnliche Beziehung zum originalen Mary Poppins-Film. Er hat ihn zum ersten Mal gesehen, als er zwei war, und vier Jahre später ist er immer noch seine erste Wahl für unseren Filmabend jeden Samstag. Er kennt alle Zeilen und Lieder auswendig, und trotzdem scheint es ihm nicht langweilig zu werden.


Wenn ihr Kinder habt, kennt ihr das wahrscheinlich. Dasselbe Buch, derselbe Film, dasselbe Spiel. Immer und immer wieder.


Ich bin keine Kinderpsychologin, aber als Mutter sehe ich, wieso Wiederholung so wichtig ist für meine Kinder. Sie wissen, was als Nächstes kommt, und das scheint ihnen Sicherheit zu geben. Sie beginnen, sich an Teile der Geschichte zu erinnern und sie mit ihren eigenen Worten nachzuerzählen. Sie entdecken Dinge, die ihnen vorher nicht aufgefallen sind, und freuen sich, wenn sie etwas wiedererkennen. Sie wissen auch genau, wo sie hinschauen müssen, wenn sie etwas Bestimmtes suchen. Und nach einer Weile taucht die Geschichte im Alltag auf. Plötzlich stellen sie eine Verbindung zu einem Buch oder Film her, den wir schon hundert Mal gelesen oder gesehen haben.

Kneeling Arms Facing Back on the reformer

Was hat das nun mit Pilates zu tun?


Im klassischen Pilates gibt es eine Reihenfolge der Übungen. Man lernt die Übungen in einer bestimmten Sequenz, und neue Übungen kommen erst dazu, wenn der Körper durch die vorherigen Übungen die nötigen Fähigkeiten aufgebaut hat. Für das Matten-Repertoire ist diese Reihenfolge in Joseph Pilates’ Return to Life beschrieben.


Ich bin keine klassisch ausgebildete Pilates-Lehrerin, und ich habe die Übungen ursprünglich auch nicht auf diese Weise gelernt. Aber je länger ich selbst praktiziere und unterrichte, desto mehr schätze ich die Intelligenz dieses Systems. Ich unterrichte die klassische Matten-reihenfolge nicht oft exakt so, wie sie ist, weil manche Übungen sehr fortgeschritten sind und der Mensch vor mir immer wichtiger ist als die Idee einer perfekten Sequenz. Aber ich unterrichte die ursprünglichen Übungen. Dieselben Übungen, in jeder Stunde.


Manchmal nehme ich ein Hilfsmittel dazu. Manchmal richte ich meine verbalen Anleitungen auf einen bestimmten Aspekt der Übung und dann wieder auf einen anderen. Manchmal unterrichte ich eine Reformer-Übung auf der Matte oder eine Mattenübung am Reformer. Aber die Grundlage bleibt immer dieselbe.


Und das Interessante ist: Schüler:innen sagen nach der Stunde oft zu mir: „Du machst immer etwas anderes. Es wird nie langweilig.“ Das bringt mich jedes Mal ein bisschen zum Schmunzeln, weil ich eigentlich gar nicht so viel verändere. Die Übungen und die Struktur sind fast immer dieselben. Was sich verändert, ist mein Fokus. Oder das, was die Person an diesem Tag spüren kann. Manchmal versteht der Körper einfach etwas, das er in der Woche davor noch nicht verstanden hat.


Das erinnert mich an meine Kinder mit ihrem Lieblingsbuch oder Lieblingsfilm. Sie kehren immer wieder zu derselben Sache zurück, aber ihre Erfahrung damit verändert sich.


Wenn man Instagram-Trends glaubt, wollen Kund:innen aber in jeder einzelnen Stunde etwas Neues. Lehrer:innen verbringen viel Zeit mit ihrem Pilates-Sequencing. Es gibt Software, die einem angeblich dabei helfen soll, bessere Stundenbilder zu entwickeln, und angehende Lehrer:innen machen sich Sorgen wie sie ihre Stunden erstellen.


Dabei liegt es eigentlich direkt vor uns. Eine Sequenz, die für einen bestimmten Zweck entwickelt wurde und Sinn ergibt.


Und glaubt mir, ich bin nicht dafür bekannt, Dinge einfach blind zu befolgen. Im Gegenteil. Ich kann ziemlich widerspenstig sein, und ich bin nicht daran interessiert, etwas nur deshalb zu tun, weil jemand sagt: „So macht man das eben.“ Ich lerne durch meine eigenen Erfahrungen. Ich muss Dinge selbst spüren, um zu verstehen, warum sie Sinn ergeben.


Durch das wiederholte Üben derselben Übungen weiß ich in meinem Körper, wofür etwas da ist und warum eine Übung auf eine bestimmte Weise funktioniert. Und durch das wiederholte Unterrichten derselben Übungen habe ich angefangen, Muster in den Körpern von Menschen zu erkennen. Ich kann oft schon ahnen, welche Übungen für jemanden schwierig sein werden und warum. Ich verstehe die Zusammenhänge zwischen Bewegungen klarer. Das ist nicht dadurch entstanden, dass ich ständig verändert habe, was ich unterrichte. Es ist durch Wiederholung entstanden. Durch Beobachten. Durch Verfeinern.


Wenn Wiederholung Kindern hilft zu lernen, sich sicher zu fühlen, Vertrauen aufzubauen und ihr Verständnis in andere Lebensbereiche mitzunehmen, sehe ich nicht, warum das bei Erwachsenen so anders sein sollte.


Natürlich ist Veränderung manchmal notwendig. Wir brauchen Anpassung und Kreativität. Aber um sinnvoll zu verändern und wirklich kreativ zu sein, müssen wir die Grundlagen verstehen. Und Grundlagen entstehen durch Wiederholung. Durch sehr, sehr viel Wiederholung.



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1 Kommentar


Katrin Deutsch
Katrin Deutsch
18. Mai

Was für ein schõner Text. 💓

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